Autismus - ohne wäre die Normalität gestört

 

 

Barrierefreie Kommunikation

Auch Autisten haben Rechte, die Kommunikation in manchen Bereichen erleichtern sollen. Im Folgenden betrifft dies den Anspruch auf “andere geeignete Kommunikationshilfen” wie es der Gesetzgeber unten nennt, wenn auch in der KHV §3 nur gestütze Kommunikation bei “autistischen Störungen” explizit aufgeführt wird, für welche die Kosten vom Amt übernommen werden. Es ist jedoch folgerichtig, daß es dadurch auch einen Anspruch auf schriftliche Kommunikation von zuhause aus gibt (Email, Chat, Brief), die in ihrer Antwortgeschwindigkeit der Behörde im Sinne der Barrierefreiheit einen möglichst geeigneten Ersatz für mündliche Kommunikation darstellen sollte.

Dies gilt besonders dann, wenn für einen Autisten der Kontakt vor Ort wegen Reizüberflutung eine Überlastung wäre, die unnötiges Leid, eingeschränkte Handlungsfähigkeit, etc. verursachen und so eine Kommunikationsbarriere darstellen würde, die den Autisten hindert seine Interessen bestmöglich wahrzunehmen. Dies muß gegebenenfalls erklärt werden, um plausibel zu machen, weswegen eine menschenwürdige Kommunikation ggf. nur von zuhause aus erfolgen kann, statt wie in anderen Fällen durch einen Dolmetscher oder durch schriftliche Kommunikation vor Ort. Erfahrungen zu dieser Thematik können gerne an die ganz oben genannte Kontaktadresse mitgeteilt werden.

Eine neuere UN-Studie hält inzwischen fest:

Zitat:

32. Submissions referred to a wide range of other community support services, often so-called centres for independent living. The support provided in such cases is geared towards information and advice, self and peer support, protection of rights and interests, shelters, housing services, training for independent living, supported decision-making and personal assistance. States mentioned transportation and communication support, such as the provision of a sign language interpreter. Community support in the form of professionalized assessments of individual needs or family crisis services, such as mediation and support in cases of violence, has been directed to families. Here, the concept of community should not be necessarily limited to a geographic and physical location: some persons with autism have found that support provided online may be more effective, in certain cases, than support received in person.

Quelle: Thematic study on the right of persons with disabilities to live independently and be included in the community; 2014

Hier wird ausdrücklich festgestellt, daß im Fall von Autisten die kulturell bedingte Online-Kommunikation eine Form von „Community“ im Sinne der Menschenrechte (z.B. CRPD, Art. 19 – Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft) ist.

Rechtliche Grundlagen für Deutschland:

Zitat:

“BGG § 9 Recht auf Verwendung von Gebärdensprache und anderen Kommunikationshilfen

  1. Hör- oder sprachbehinderte Menschen haben nach Maßgabe der Rechtsverordnung nach Absatz 2 das Recht, mit Trägern öffentlicher Gewalt im Sinne des § 7 Abs. 1 Satz 1 [Dieser lautet: “Die Dienststellen und sonstigen Einrichtungen der Bundesverwaltung, einschließlich der bundesunmittelbaren Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts sollen im Rahmen ihres jeweiligen Aufgabenbereichs die in § 1 genannten Ziele aktiv fördern und bei der Planung von Maßnahmen beachten.” Satz 2 schließt auch die entsprechende Landesebene ein, sofern diese Bundesrecht ausführt.] in Deutscher Gebärdensprache, mit lautsprachbegleitenden Gebärden oder über andere geeignete Kommunikationshilfen zu kommunizieren, soweit dies zur Wahrnehmung eigener Rechte im Verwaltungsverfahren erforderlich ist. Die Träger öffentlicher Gewalt haben dafür auf Wunsch der Berechtigten im notwendigen Umfang die Übersetzung durch Gebärdensprachdolmetscher oder die Verständigung mit anderen geeigneten Kommunikationshilfen sicherzustellen und die notwendigen Aufwendungen zu tragen.”

Quelle: http://www.gesetze-im-internet.de/bgg/__9.html

Bezüglich der Kommunikationshilfen besteht ein Wahlrecht:

Zitat:

“KHV § 2 Umfang des Anspruchs

  1. Der Anspruch auf Bereitstellung einer Dolmetscherin oder eines Dolmetschers für die Deutsche Gebärdensprache oder für lautsprachbegleitende Gebärden (Gebärdensprachdolmetscher) oder einer anderen geeigneten Kommunikationshilfe besteht, soweit eine solche Kommunikationshilfe zur Wahrnehmung eigener Rechte in einem Verwaltungsverfahren erforderlich ist, in dem dafür notwendigen Umfang. Der notwendige Umfang bestimmt sich insbesondere nach dem individuellen Bedarf der Berechtigten.
  2. Die Berechtigten haben nach Maßgabe des Absatzes 1 ein Wahlrecht hinsichtlich der zu benutzenden Kommunikationshilfe. Dies umfasst auch das Recht, einen Gebärdensprachdolmetscher oder eine andere geeignete Kommunikationshilfe selbst bereitzustellen. Die Berechtigten haben der Behörde rechtzeitig mitzuteilen, inwieweit sie von ihrem Wahlrecht nach Satz 1 und 2 Gebrauch machen. Die Behörde kann den ausgewählten Gebärdensprachdolmetscher oder die ausgewählte andere Kommunikationshilfe zurückweisen, wenn sie ungeeignet sind oder in sonstiger Weise den Voraussetzungen des Absatzes 1 nicht entsprechen. Die Hör- oder Sprachbehinderung sowie die Wahlentscheidung nach Satz 1 sind aktenkundig zu machen und im weiteren Verwaltungsverfahren von Amts wegen zu berücksichtigen.”

Quelle: http://www.gesetze-im-internet.de/khv/__2.html

Landes- und kommunalrechtlich dürfte man in der Praxis ähnliche Regelungen wenigstens aus Kulanz erwarten dürfen, da nach Art.3 GG Behinderte nicht benachteiligt werden dürfen. Ein weiterführender Link zur Landesebene: http://de.wikipedia.org/wiki/Landesgleichstellungsgesetz, sowie ein Link zu einer Übersichtssammlung über Bundesrecht und Landesrecht: http://www.einfach-fuer-alle.de/artikel/bitv/bgg/

In der Praxis eventuell hilfreich: Infoblatt 10: Zur Notwendigkeit barrierefreier Kommunikation

Familienversicherung für erwachsene Behinderte in der GKV

In ähnlicher Weise wie beim Kindergeld nach EStG können Eltern, die in einer gesetzlichen Krankenversicherung (und analog in der gesetzlichen Pflegeversicherung) versichert sind, die Fortsetzung der Familienversicherung wegen einer Behinderung auch über die üblichen Altersgrenzen hinaus beantragen. Die rechtliche Grundlage hierfür ist SGB5 §10:

Zitat:

“(2) Kinder sind versichert […]

  1. ohne Altersgrenze, wenn sie als behinderte Menschen (§ 2 Abs. 1 Satz 1 des Neunten Buches) außerstande sind, sich selbst zu unterhalten; Voraussetzung ist, daß die Behinderung zu einem Zeitpunkt vorlag, in dem das Kind nach Nummer 1, 2 oder 3 versichert war.”

Quelle: http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__10.html

Ein wesentlicher Unterschied zum Kindergeld ist der, daß der Anspruch auf Familienversicherung nach der, wenn auch wohl nicht ganz eindeutigen, geltenden Rechtsprechung vorausschauend bewertet wird, also eine rückwirkende Familienversicherung schwierig durchzusetzen ist. Daher sollte bei einer Diagnose im Erwachsenenalter so früh wie möglich die gesetzliche Krankenkasse informiert werden. Sinnvoll ist dies durchaus auch vor einer Diagnosestellung, auch wenn der Antrag dann erst viel später entschieden wird.

Hinterbliebenenversorgung nach BeamtVG und SVG (sowie SGB7)

Autisten, die nicht ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften in der Lage sind und die Kinder von verstorbenen Beamten oder Soldaten sind, haben analog zum erwähnten Kindergeldanspruch prinzipiell auch Anspruch auf Halbwaisen- und Vollwaisenrente und zwar hier gemäß BeamtVG §61 und SVG §59 (im Wesentlichen gleichlautend):

Zitat:

“(2) Das Waisengeld wird nach Vollendung des achtzehnten Lebensjahres auf Antrag gewährt, solange die in § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchstabe a, b und d, Nr. 3 und Abs. 5 Satz 1, 2 und 4 des Einkommensteuergesetzes in der bis zum 31. Dezember 2006 geltenden Fassung genannten Voraussetzungen gegeben sind. Im Falle einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung im Sinne des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 des Einkommensteuergesetzes in der bis zum 31. Dezember 2006 geltenden Fassung wird das Waisengeld ungeachtet der Höhe eines eigenen Einkommens dem Grunde nach gewährt; soweit ein eigenes Einkommen der Waise das Zweifache des Mindestvollwaisengeldes (§ 14 Abs. 4 Satz 2 in Verbindung mit § 24 Abs. 1) übersteigt, wird es zur Hälfte auf das Waisengeld zuzüglich des Unterschiedsbetrages (§ 50 Abs. 1) angerechnet. Das Waisengeld nach Satz 2 wird über das siebenundzwanzigste Lebensjahr hinaus nur gewährt, wenn

  1. die Behinderung bei Vollendung des siebenundzwanzigsten Lebensjahres bestanden hat oder bis zu dem sich nach § 32 Abs. 5 des Einkommensteuergesetzes in der bis zum 31. Dezember 2006 geltenden Fassung ergebenden Zeitpunkt eingetreten ist, wenn die Waise sich in verzögerter Schul- oder Berufsausbildung befunden hat, und
  2. 2. die Waise ledig oder verwitwet ist oder ihr Ehegatte oder früherer Ehegatte ihr keinen ausreichenden Unterhalt leisten kann oder dem Grunde nach nicht unterhaltspflichtig ist und sie nicht unterhält.”

Quelle: http://www.gesetze-im-internet.de/beamtvg/__61.html

Zitat:

“(2) Das Waisengeld wird nach Vollendung des 18. Lebensjahres auf Antrag gewährt, solange die in § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchstabe a, b und d, Nr. 3 und Abs. 5 Satz 1, 2 und 4 des Einkommensteuergesetzes in der bis zum 31. Dezember 2006 geltenden Fassung genannten Voraussetzungen gegeben sind. Im Falle einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung im Sinne des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 des Einkommensteuergesetzes in der bis zum 31. Dezember 2006 geltenden Fassung wird das Waisengeld ungeachtet der Höhe eines eigenen Einkommens dem Grunde nach gewährt; soweit ein eigenes Einkommen der Waise das Zweifache des Mindestvollwaisengeldes (§ 26 Abs. 7 Satz 2 und § 43 Abs. 1 dieses Gesetzes in Verbindung mit § 24 Abs. 1 des Beamtenversorgungsgesetzes) übersteigt, wird es zur Hälfte auf das Waisengeld zuzüglich des Unterschiedsbetrages nach § 47 Abs. 1 angerechnet. Das Waisengeld nach Satz 2 wird über das 27. Lebensjahr hinaus nur gewährt, wenn

  1. die Behinderung bei Vollendung des 27. Lebensjahres bestanden hat oder bis zu dem sich nach § 32 Abs. 5 des Einkommensteuergesetzes in der bis zum 31. Dezember 2006 geltenden Fassung ergebenden Zeitpunkt eingetreten ist, wenn die Waise sich in verzögerter Schul- oder Berufsausbildung befunden hat, und
  2. die Waise ledig oder verwitwet ist oder ihr Ehegatte oder früherer Ehegatte ihr keinen ausreichenden Unterhalt leisten kann oder dem Grunde nach nicht unterhaltspflichtig ist und sie nicht unterhält.”

http://www.gesetze-im-internet.de/svg/__59.html

Dieser Standard gilt nicht entsprechend für Kinder nichtverbeamteter Angestellter oder Arbeiter die diese Leistungen nicht über die Altersgrenze des 25. oder 27. Lebensjahres hinaus erhalten. Theoretisch wird diese Altersgrenze höchstens wegen einem FSJ, FÖJ, Zivildienst, etc. um die Dauer dieser Dienste hinausgezögert. Berufsgenossenschaften setzen ebenso meist die Grenze spätestens beim 27. Lebensjahr, ob es alle tun, ist ungewiss. Die Rechtsprechung hat diese Ungleichbehandlung als rechtmäßig bestätigt. Orientierungspunkt für diese weniger umfangreichen Regelungen ist SGB7 §67:

Zitat:

“(3) Halb- oder Vollwaisenrente wird gezahlt

  1. bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres,
  2. bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres, wenn die Waise
    1. sich in Schulausbildung oder Berufsausbildung befindet oder
    2. sich in einer Übergangszeit von höchstens vier Kalendermonaten befindet, die zwischen zwei Ausbildungsabschnitten oder zwischen einem Ausbildungsabschnitt und der Ableistung des gesetzlichen Wehr- oder Zivildienstes oder der Ableistung eines freiwilligen Dienstes im Sinne des Buchstabens c liegt, oder
    3. ein freiwilliges soziales Jahr im Sinne des Gesetzes zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres oder ein freiwilliges ökologisches Jahr im Sinne des Gesetzes zur Förderung eines freiwilligen ökologischen Jahres leistet oder
    4. wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung außerstande ist, sich selbst zu unterhalten.”

Quelle: http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_7/__67.html

Feststellungsverfahren nach SGB9

Für die Durchführung eines solchen Verfahrens sind die Versorgungsämter zuständig, die allerdings nicht überall auch so heißen. Als Ergebnis kann ein Schwerbehindertenausweis ausgestellt werden, sofern ein Grad der Behinderung (GdB) von über 50 festgestellt wird. Das kann nach der seit 2009 geltenden Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV) (abgefasst auf GdS-Basis) wie laut der vorher geltenden AHP (Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertengesetz / war auf GdB-Basis abgefasst) bei Autismus geschehen, muß jedoch seit einer Änderung geltend ab 2011 jedoch nicht mehr. Dies bedeutet, daß Autisten im Feststellungsverfahren künftig vermutlich mehr Papierkrieg zugemutet werden wird.

Seit 2009 wurde der MdE (Minderung der Erwerbsfähigkeit) durch den GdS (Grad der Schädigungsfolgen) ersetzt. Ein GdS von 100 bedeutet Erwerbsunfähigkeit, ein GdB von 100 jedoch nicht. Wurde bei einer Person ein GdS festgestellt, wird mindestens ein GdB in dieser Höhe zuerkannt (Quelle: http://www.schwbv.de/gdb-gds-mde.html )Nachdem die alten AHP auf Basis des GdB abgefasst waren, basiert die nun geltende VersMedV in seinem Anlage „Versorgungsmedizinische Grundsätze“ ( http://www.gesetze-im-internet.de/versmedv/anlage_8.html ) auf dem GdS. Da GdS und GdB wohl nicht gleich ausfallen müssen bedeutet dies vermutlich eine zusätzliche Unklarheit bei der Ermittlung des GdB. In der oben verlinkten Anlage heißt es:

Zitat:

„GdS und GdB werden nach gleichen Grundsätzen bemessen. Beide Begriffe unterscheiden sich lediglich dadurch, dass der GdS nur auf die Schädigungsfolgen (also kausal) und der GdB auf alle Gesundheitsstörungen unabhängig von ihrer Ursache (also final) bezogen ist.“

und

Zitat:

„Eine Behinderung liegt erst ab Beginn der Teilhabebeeinträchtigung vor. Eine pauschale Festsetzung des GdS nach einem bestimmten Lebensalter ist nicht möglich.
Tief greifende Entwicklungsstörungen (insbesondere frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom)
Bei tief greifenden Entwicklungsstörungen–
ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 10–20,

mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 30–40,

mit mittleren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 50–70,

mit schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten beträgt der GdS 80–100.

Die Kriterien der Definitionen der ICD-10-GM Version 2010 müssen erfüllt sein.
Soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integrationsfähigkeit in Lebensbereiche (wie zum Beispiel Regel-Kindergarten, Regel-Schule, allgemeiner Arbeitsmarkt, öffentliches Leben, häusliches Leben) nicht ohne besondere Förderung oder Unterstützung (zum Beispiel durch Eingliederungshilfe) gegeben ist oder wenn die Betroffenen einer über das dem jeweiligen Alter entsprechende Maß hinausgehenden Beaufsichtigung bedürfen. Mittlere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche nicht ohne umfassende Unterstützung (zum Beispiel einen Integrationshelfer als Eingliederungshilfe) möglich ist. Schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten liegen insbesondere vor, wenn die Integration in Lebensbereiche auch mit umfassender Unterstützung nicht möglich ist.“

Es wird sich zeigen, wie sich diese Änderung in künftigen Verfahren auswirken wird.

Update 5/2013: Die bisherige Erfahrung zeigt, daß die GdB-Zuteilung nach der Reform aktuell weitflächig nach nicht objektiv nachvollziehbaren Kriterien erfolgt und so auch vor – vermutlich fachlich ahnungslosen und von fast ebenso ahnungslosen Gutachtern abhängigen – Gerichten Bestand hat. So muß leider konstatiert werden, daß es in der Praxis kein wirklich nachvollziehbares System gibt über das hier berichtet werden könnte. Man kann nur hoffen, daß sich da noch deutlich etwas ändert. Zudem ist vereinzelt eine klare Tendenz zu beobachten entmündigende Dienste mit einem höheren GdB zu „belohnen“, obwohl die Teilhabevoraussetzungen eigentlich nicht wesentlich verschieden sind. Dieser Mißstand weist eindeutig in eine Richtung, die der UN-Behindertenrechtskonvention zuwiderläuft.

Mustergültiges Problem höchst ungenügender Enthinderung am Beispiel des Gesundheitswesens: Keine Psychotherapeuten für Autisten

05.06.08: Autisten können wie jedermann gewöhnliche, also nicht mit Autismus zusammenhängende, psychische Probleme bekommen. Psychologische Behandlung unter barrierefreien Bedingungen scheint jedoch im derzeitigen Gesundheitssystem nicht vorgesehen zu sein. Problem: Die Lebensumstände von Autisten werden bisher z.B. bei der Vergütung durch die Krankenkassen prinzipiell nicht berücksichtigt. Als Resonanz auf die Bemühungen der Enthinderungsselbsthilfe von Autisten für Autisten (ESH) die für Autisten und Mediziner weitgehend unklare und daher verunsichernde Sachlage zu klären, wurde dieser nun von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in einem Brief folgendes geschrieben:

Zitat:

„Die psychologische Behandlung eines Patienten mit autistischer Störung erfordert regelhaft einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt, eine rein fernschriftliche oder fernmündliche Behandlung ist gemäß EBM
ausgeschlossen.“

Das bedeute laut ESH in der Praxis praktisch nicht verfügbare oder qualitativ sehr minderwertige psychologische Behandlung von Autisten, da diese aufgrund ihrer empfindlichen Sinneswahrnehmung von der Situation in der Praxis oder bei einem Hausbesuch derart unter Streß gesetzt werden, daß sie nicht fähig sind sich angemessen zu artikulieren. Diese Praxis sei vermutlich im Sinne dieses Bundesverfassungsgerichtsurteils ein Verstoß gegen die Menschenwürde, da Autisten durch solche Bedingungen zu bloßen Behandlungsobjekten degradiert würden. Diese Situation sei damit vergleichbar einem Nichtautisten Kontakt zu einem Psychologen nur unter physischer Prügel, in einem Raum mit wirr farbig flackerndem Licht, mehreren lauten Geräuschhintergründen und unregelmäßig schwankendem Fußboden zuzugestehen. Die ESH ruft Psychologen die dennoch bereit sind Autisten unter barrierefreien Bedingungen fernschriftlich zu behandeln oder Interesse hätten an möglichen Modellprojekten teilzunehmen dringend auf sich bei ihr zu melden.
Diskussion im Forum: Hier
Referenz: Kobinet

Distanzierung der Enthinderungsselbsthilfe von Autisten für Autisten (und Eltern) vom Bundesverband Autismus Deutschland e.V. und dessen Regionalverbänden

18.05.08: Vor einigen Jahrzehnten bildeten sich regionale Gruppen von Autisteneltern, welche mit dem Anspruch auftraten die damals im Vergleich zu heute noch schlechteren Lebensbedingungen von Autisten beseitigen wollten, z.B. durch die Schaffung von speziellen Heimen oder sonstigen Einrichtungen für Autisten. Diese Leistung ist im historischen Kontext anzuerkennen. Heute jedoch sind die Verbände des Autismus Deutschland e.V. nach unserem vielfachen Erleben ein Sammelbecken für Personen mit rückständigen Ansichten zu Autismus samt häufiger Ablehnung eines mündigen, selbstbewußten Lebens von Autisten. Autismus Deutschland nimmt für sich in Anspruch die Lobby von Autisten zu sein (1). Wir widersprechen dieser Ansicht, mit der sogar öffentlich um Spenden geworben wird und unter dessen Eindruck dieser Verein von gesellschaftlichen Gruppen und Politik als rechtmäßige Anlaufstelle zu Fragen konsultiert wird, welche Autisten betreffen.
Tatsächlich ist uns nicht bekannt, daß jemals eine autistische Person im Bundesverband oder in einem Regionalverband von Autismus Deutschland e.V. den Vorsitz innehatte. Selbst wenn das anders wäre, wäre doch das Übergewicht der Autisteneltern in verantwortlichen Positionen dieses Verbands nach unserem Kenntnisstand erdrückend, was die inhaltlichen Positionen zweifellos erheblich prägen muß. Somit handelt es sich strukturell unserer Ansicht nach fast vollständig um eine Interessenvertretung von Autisteneltern. Als solche erkennen wir Autismus Deutschland e.V. als eine berechtigte Interessenvertretung an, teilen jedoch deren Positionen nur im ausdrücklich von uns erklärten Einzelfall. Wir bezweifeln grundlegend die Legitimität dessen öffentlichen Auftretens als die Lobby der Menschen mit Autismus und insbesondere dessen Auftreten und Mitgliedschaft als solche innerhalb wichtiger Behindertenverbände.
Autisten werden künftig ihre Interessen selbst vertreten um ihre eigenen Interessen nicht hinter den Vorstellungen von Eltern zurückgestellt zu sehen. Autismus ist keine Krankheit, sondern eine Veranlagung ähnlich der Linkshändigkeit, welche die gleiche Existenzberechtigung besitzt wie andere Veranlagungen, die häufiger vorkommen. Autisten werden durch ihre Rolle als Minderheit benachteiligt und behindert. Bestrebungen Autisten entsprechend der oberflächlichen Vorstellungen ihres nicht autistischen Umfelds hinzubiegen sind Teil dieser Ausgrenzung und nicht deren Überwindung, so wie es, um ein Beispiel anzuführen, auch keine erstrebenswerte und deren Menschenwürde achtende Integration von Menschen farbiger Hautfarbe ist, diese weiß anzumalen und ihnen die Schuld an der eigenen Ausgrenzung zu geben, wenn sie sich dessen verweigern.
Autisten haben ein Recht darauf sich entsprechend ihrer Veranlagungen entwickeln zu können. Autisten haben ein Recht auf unbeschwerte Kindheit ohne Lebensbedingungen, die sie traumatisieren.
Autisten haben ein Recht darauf vor diskriminierenden und kulturhegemonialen Einstellungen ihrer anders veranlagten und anders empfindenden Eltern und sonstigen Mitmenschen geschützt zu werden. Autisten haben ein Recht darauf entsprechend ihrer natürlichen Veranlagung eine barrierefreie Gesellschaft vorzufinden, statt auf eine diskriminierende Weise pseudointegriert zu werden, welche gegen ihre natürliche Veranlagung gerichtet ist und schwere psychische Schäden und Traumata verursacht. Hierin liegen viele der Probleme, welche Autisten haben. Es ist keine Lösung möglichst so hingebogen zu werden, wie es anders veranlagte Eltern es gerne hätten.
Alle gesellschaftlichen und politischen Amtsinhaber, Gruppen oder Einrichtungen sind herzlich eingeladen uns ihre Solidarität mitzuteilen, woraus im Einzelfall konkrete sinnvolle Kooperationen entstehen könnten.

Beleg 1:

Zitat:

HELFEN SIE DEN MENSCHEN MIT AUTISMUS!
Der Bundesverband autismus Deutschland e.V. ist auf die
Unterstützung vieler Freunde und Förderer angewiesen. Jedes Mitglied stärkt die Lobby der Menschen mit Autismus.

http://www.autismus.de/pages/startseite/DCber-den-bundesverband.php
Diskussion im Forum: Hier
Referenz: Kobinet

Theory of Mind

Die Theory of Mind ist eine Bezeichnung für die Fähigkeit in der Praxis anzunehmen, daß Mitmenschen andere Kenntnisse besitzen als man selbst. Klassische Tests mit Kindern führen z.B. ein Puppenspiel auf, bei dem in eine eindeutig als solche kenntliche Keksdose ein Bleistift gelegt wird. Das Kind soll danach angeben, was eine Puppe, die das Spiel „nicht mitverfolgt hat“, wohl denken würde, was in der Keksdose wäre. Pauschalisiert ausgedrückt würden Kinder mit einer ToM antworten, daß darin Kekse vermutet würden, ein Kind, das keine in diesem Fall ausgeprägte ToM besitzt hingegen, daß darin ein Bleistift vermutet würde.

Die Unterstellung einer gering ausgeprägten ToM speziell an Autisten führt zum häufigen sachlich falschen Gebrauch von Autismus als Schimpfwort in diesem Sinne.

Tatsächlich ist nicht klar, ob Ergebnisse, die nahelegen, autistische Kinder hätten eine gering ausgeprägte ToM, schlichtweg Messfehler aufgrund Nichtverstehens der Aufgabenstellung darstellen. Allerdings ist es plausibel, daß autistische Kinder es schwerer haben, die Welt um sie zu verstehen, da diese Welt zu großen Teilen völlig andersartig veranlagt ist. Erwachsenen Autisten sollte man unterstellen können, im Besitz der ToM zu sein.

Für Autisten sollen Rituale und Gewohnheiten sehr wichtig sein, stimmt das?

Von Ärzten oder Therapeuten wird Eltern oft der Tipp gegeben, den Alltag zu ritualisieren, weil das für Autisten wichtig sei. Das ist so allgemein aber nicht richtig.

Wie kommt es zu dieser Annahme?

Autisten leben praktisch durchweg in einem chronischen Overload, da ihre Wahrnehmung sie tendentiell durchweg überfordert. Dieser Zustand setzt die Fähigkeit herab, spontan auf unvorhersehbare Situationen zu reagieren. Aus diesem Grund beobachtet man bei Autisten oft einen gewissen Grad von Standardisierung in alltäglichen Abläufen. Dadurch, daß Bereiche des Lebens als solche genau feststehen, muß man während des chronischen Overloads nicht neu überlegen, wie man das jetzt tun will.

Aus dieser Beobachtung jedoch zu schließen, daß es gut für Autisten ist, ihnen von außen einen geregelten Alltag aufzudrängen, ist eine zumindest heikle Schlußfolgerung, denn es ist auch wichtig für Autisten, diese Standards selbst setzen zu können. Insofern kann eine von außen bestimmte Ritualisierung bei Autisten auch eine zusätzliche Belastung darstellen.

Um einem Autisten zu ermöglichen, sich selbstbestimmte Standards zu entwickeln, braucht er Ruhe und die Möglichkeit, diese Standards im Alltag zu erproben. Wenn er sie selbst dauerhaft umsetzt, sollte dies unterstützt werden, jedoch nur solange kein Widerstand auftritt.

Generell braucht jede Person, die mit Autisten zu tun hat, ein besonderes Feingefühl und die Fähigkeit, offen zu sein, Zusammenhänge unter Beteiligung von scheinbar bedeutungslosen Details zu entdecken, die für die meisten Nichtautisten absurd erscheinen mögen.

Freut euch, andere Leute müssen ständig neue Krimis kaufen!

Was ist ein Overload? Ist das psychisch krank?

Autisten nehmen ihre Umgebung anders wahr als Nichtautisten. In der Regel ist ihre Wahrnehmung genauer, empfindlicher und umfassender. Ihre Fähigkeit zur Konzentration auf bestimmte Aspekte ist oft stärker ausgeprägt. Autisten haben oft sensiblere Sinne, etwa hören sie Geräusche lauter als Nichtautisten oder gar Töne mit Frequenzen, die viele Nichtautisten gar nicht hören, oder sehen Dinge und Farben intensiver. Auch schnelle Bewegungen können überfordern, etc.

Das hat zur Folge, daß Autisten mitunter von dem, was ihnen begegnet, überwältigt sind. Auch Nichtautisten kennen Situationen, in denen sie nach einen starken Eindruck nicht in der Lage sind sich zu bewegen oder sich unfähig fühlen, etwas zu beantworten. Diese Zustände erleben Autisten in einer Gesellschaft, die nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist, häufiger und wohl auch tiefgreifender als Nichtautisten.

Da Nichtautisten meist anders wahrnehmen, können sie oft Reaktionen von Autisten nicht gut nachfühlen, nicht selten erkennen sie nicht einmal die Ursachen für die jeweiligen Reaktionen.

Unter allen Menschen gibt es verschiedene Temperamente, egal ob Autist oder nicht. Der eine ist eher cholerisch, der andere zurückhaltend und schüchtern. Daher reagieren auch Autisten in einem Overload recht unterschiedlich. Wie würden wohl Nichtautisten reagieren, wenn man sie Geräuschen aussetzt, die ihnen das Gefühl geben, ihr Trommelfell würde platzen? Wie reagieren sie, wenn das ständig passiert und keiner diese Zumutungen abstellt? Sie reagieren, wie Menschen auf solche Herausforderungen eben reagieren. Diese Reaktionen sind nicht psychisch krank, sondern in einer anderen Wahrnehmung begründet, die an sich Stärken und Schwächen beinhaltet, ebenso wie nichtautistische Wahrnehmung.

Wenn ein Autist sich benimmt „wie ein Irrer“, dann hat das seine Gründe in seiner Umgebung und in deren Abbild in seiner Wahrnehmung. Dies zu ignorieren bedeutet einem schwer leidenden Menschen die Hilfe zu verweigern und ihn weiter in einen psychischen Abgrund zu treiben.

Ein Autist leidet nie unter seiner menschlichen Veranlagung, sondern wegen äußerer Umstände.

Was ist Enthinderung?

Zitat:

In Diskussionen über Autismus und über Lebenssituationen autistischer Menschen taucht regelmäßig der Begriff „Hilfe“ auf. „Hilfe“ ist nicht selbstverständlich, sie ist ein Gefallen. „Hilfe“ suggeriert, dass man etwas bekommt, worauf man keinen Anspruch hat, und was einen im Gegenzug zur Dankbarkeit verpflichtet. Unterstützung von Autist_innen bzw. von behinderten Menschen allgemein „Hilfe“ zu nennen, macht sie zu Bittsteller_innen und erniedrigt sie. Es ist keine „Hilfe“, wenn Rollstuhlfahrer_innen Zugänge zu öffentlichen Gebäuden, Arztpraxen und Supermärkten nicht versperrt werden, sondern Enthinderung – als Gegensatz von Behinderung, die Treppen und Drehkreuze für diese Personengruppe darstellen. Enthinderung ist kein Almosen, sie sollte selbstverständlich sein. Wir sprechen daher nicht von „Hilfe“ – wir fordern Enthinderung.

http://web.archive.org/web/20080228183738/http://www.autismus-kultur.de/ak/autismus-kultur/ziele-des-projekts-autismus-kultur.html

Veraltete Quelle:

Quelle

Behinderung als Form der Diskriminierung (siehe Begriffslexikon unter „Behinderung“) ist ein Unrecht, das mittlerweile eindeutig durch das Völkerrecht geächtet wird. Entsprechend der Abkehr von anomistischem Faustrecht ist auch Enthinderung eine Frage der Selbstverständlichkeit. Mangelnde Berücksichtigung von andersveranlagten gesellschaftlichen Minderheiten ist aktive Diskriminierung und nicht mehr als „Versehen“ entschuldbar. Die Anforderung an ein Universelles Design lautet solche Diskriminierungen abzubauen.

Und: Enthinderung ist nicht die eigene Kompensation von vorhandener und unveränderter Benachteiligung aufgrund gesellschaftlicher Behinderung.

Autisten – Krank?

Oft wird heute noch behauptet, Autisten seien krank. Stimmt das?

Es stimmt ebensoviel oder -wenig, wie die Behauptung, Homosexualität oder Linkshändigkeit sei krank. Der Begriff „krank“ ist ein kultureller, kein in der Natur festgeschriebener.

Zitat:

Homosexualität wurde 1974 von der American Psychiatric Association (APA) gemäß einem Beschluss aus dem Jahr zuvor aus ihrem Krankheitenkatalog (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (kurz: DSM, damalige Auflage DSM-II) gestrichen – nicht zuletzt aufgrund der Forschungsergebnisse von Evelyn Hooker. Zuvor galt Homosexualität als psychische Störung.

Quelle

Jedoch abgesehen von der philosophischen Einordnung sollte sich jeder klarmachen, daß solche Benennungen auch gesellschaftliche Macht widerspiegeln. In Bezug auf Autismus ist der Begriff „krank“ daher eindeutig von Feindlichkeit gegenüber Andersartigem geprägt (Xenophobie). Wer Autisten oder Autismus als „krank“ bezeichnet, outet sich also gewissermaßen selbst als krank oder zumindest unreflektiert.

Auch Homosexuellen wurde wie heute Autisten unterstellt, sie seien weniger leistungsfähig, eine Ansicht, die heute vermutlich fast jeder als absurd betrachten würde:

Zitat:

Und 1935 schrieb er in einem Brief an eine Mutter, daß auch Homosexuelle – durch eine Analyse – zu „Harmonie, Seelenfrieden und volle[r] Leistungsfähigkeit“[24] gelangen können.

ebenda

Krank machte Homosexuelle nicht ihre Homosexualität, sondern die gesellschaftliche Ausgrenzung. Auch bei Autisten verhält sich dies im Wesentlichen nicht anders.

Ähnliches galt ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit auch für Frauen, die man nicht für krank sondern oft gleich komplett minderbemittelt hielt:

Zitat:

In Berlin regiert zu jener Zeit der Kaiser, in Paris staunt man über den Eiffelturm, in London sorgen die ersten U-Bahnen für Aufsehen – und Frauen müssen enge Kleider tragen, dürfen nicht studieren und nicht ohne Erlaubnis ihrer Männer arbeiten, kein eigenes Vermögen haben, geschweige denn wählen. Junge Mädchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert werden in martialische Korsetts geschnürt und auf den einzigen Sinn ihres Lebens vorbereitet: Sie sollen möglichst gut verheiratet werden. Man hält sie für körperlich schwach und nicht zu intellektueller Leistung befähigt.

Quelle

Thomas von Aquin, einem der bedeutendsten Philosophen, werden u.a. die folgenden Aussagen zugeschrieben (von uns bisher nicht verifiziert!):

Zitat:

Die Frau ist ein Missgriff der Natur […] eine Art verstümmelter, verfehlter, misslungener Mann […] die volle Verwirklichung der menschlichen Art ist nur der Mann.

Zitat:

Mädchen entstehen durch schadhaften Samen oder feuchte Winde.

Die Weltgesundheitsorganisation ist derzeit noch nicht bereit diesen schon lange überfälligen Erkenntnisschritt mitzugehen und verweigert sich innerhalb der UN-Teilorganisationen den Werten der ansonsten als neuen Wertmaßstab anerkannten UN-Behindertenrechtskonvention. Auch durch diesen offenen Bruch mit zeitgemäßen Menschenrechtsvorstellungen können die Maßstäbe der WHO mitsamt ICD, ICF, etc. aktuell gesellschaftlich nicht mehr als entscheidend betrachtet werden. Die Zeit, in der Ärzte von Heilern immer mehr zu Waidmännern der Menschheit mutierten, steht hoffentlich vor ihrem Ende, so wie die WHO sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte nicht weiter auf grundlegender Ebene verweigern kann. Auch die Gesellschaften im deutschsprachgen Raum stehen noch vor dem weltanschaulichen Umbruch erkennen zu lernen, daß Mediziner von ihrer Fachrichtung her gar nicht dazu in der Lage sind über grundlegende gesellschaftliche Fragen zu entscheiden, in denen man sie trotz vergangener Entgleisungen bisher dennoch weiter aus Gewohnheit gewähren ließ. Wir machen hier den nötigen Anfang.

Begriffslexikon

– ABA = Applied Behavior Analysis. Eine heute oft angewendete Methode zur „Frühförderung“ von Autisten, die einen relativ guten Ruf hat, jedoch große Risiken birgt, schwere Schäden an den Kindern zu verursachen (ähnlich der Umerziehung von Linkshändern zu Rechtshändern) und deren Wirksamkeit bisher entgegen anderslautender Behauptungen nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte. Es gibt gewisse logische Parallelen von ABA zu z.B. historischen „therapeutischen“ Versuchen, Gehörlosen das Gebärden zu verbieten, damit diese die Lautsprache besser lernen würden. Die Folgen für Autisten sind jedoch vermutlich gravierender. Genauere Informationen 1, 2 und 3

– AQ-Test = Screeningtest, der nicht mehr als eine statistische Wahrscheinlichkeit dafür angeben soll autistisch zu sein. Das bedeutet, daß manche Autisten bei diesen Tests auch niedrige Punktzahlen erreichen. Wer einen hohen AQ erzielte ist ebenso nicht unbedingt autistisch, auch manche andere Persönlichkeitstypen erzielen aufgrund der Ausrichtung der Fragen öfters höhere Punktzahlen darin. Die verschiedenen Versionen sind oft sprachlich ungenau formuliert, weswegen Autisten oft sehr lange brauchen sich zu überlegen, was mit einer Frage gemeint sein könnte oder deswegen manche Fragen logisch unbeantwortbar finden.

– Asperger-Autismus = Im Sinne heutiger diagnostischer Untergruppen eine angenommene Untergruppe des Autismus, die erst nach dem dritten Lebensjahr im Sinne der jeweiligen Diagnosekriterien auffällt. Heute gibt es fundierte Zweifel an der realen Existenz eines grundlegenden Unterschieds, der solche systematische Untergliederung rechtfertigen würde. Ein aktueller Theorieansatz ist der des Autismusspektrums (siehe dort). Benannt nach Hans Asperger. Früher auch entsprechend damaliger falscher theoretischer Annahmen als autistische Psychopathie bezeichnet (siehe dort).

– Aspie = Asperger-Autist (diese Diagnoseschublade ist vermutlich in der Abschaffung begriffen)

– ATZ = Autismuszentrum (sind zwar spezialisiert, vertreten aber aufgrund der Nähe zu Elterngruppen meist auch zweifelhafte bis schädliche Auffassungen)

– Autie = Autist

– Autistic Pride = englisch „autistisches Selbstbewußtsein“. Eine kulturelle Emanzipationsbewegung im Wesentlichen getragen von Autisten, die Autismus als Teil einer neurodiversen Normalität betrachtet und für Enthinderung und eine nichtpathologisierende Wahrnehmung von Autisten eintritt. Genauere Informationen.

– Autistic Pride Day = Feiertag im Sinne der Autistic Pride Bewegung, der von manchen Anhängern dieser Bewegung am 18.6. begangen wird. Andere Anhänger lehnen Feiertage als nichtautistisches Kulturgut prinzipiell ab.

– autistische Psychopathie = veraltete und sachlich falsche Bezeichnung für „Asperger-Autismus“ (siehe auch dort). Dieser Begriff führte sich auf die Annahme z.B. nach Bettelheim zurück, Autismus entstünde durch die ungünstige Einwirkung der Eltern auf die jeweiligen Kinder (siehe auch Kühlschrankmutter), sei also eine Traumatisierung, die mit entsprechenden psychologischen Anti-Trauma-Methoden behandelt werden könne. Diese Theorie ist heute eindeutig überholt.

– Autistisches Spektrum = theoretischer Erklärungsansatz für Autismus, der im wesentlichen davon ausgeht, daß es statistisch gesehen in der Bevölkerung einen fließenden Übergang von Nichtautismus zu Autismus gibt. Folglich gäbe es keine natürlich eindeutige Grenze von Nichtautismus zu Autismus, sondern eine menschlich definierte. Demnach wäre Autismus eine Eigenschaft, die jeder Mensch in mehr oder weniger großer Ausprägung aufweist.

– autistische Züge = In der Praxis sehr uneinheitlich verwendeter Begriff. „Nicht genug für eine Diagnose aber zu viel um normal zu sein“ – so oder so ähnlich sagt man es Eltern von autistischen Kindern manchmal, wenn diese eine Begutachtung durchlaufen haben. Manchmal sehen Ärzte „autistische Züge“ auch als Teil des Autismusspektrums. Mitunter wird der Begriff verwendet, wenn Ärzte kein gründliches Wissen über Autismus aufweisen und ein Autist nicht ganz mit ihren klischeehaften Erwartungen übereinstimmt. Weiteres Problem ist die bis heute sehr mangelhafte Berücksichtigung der Lebensumstände eines Autisten. Nur weil ein Autist wegen relativ geeigneter Lebensumstände nicht nervlich am Ende ist, ist er nicht weniger autistisch.

– Autoaggression = Siehe Selbstverletzungen

– Barriere = Barrieren sind nicht nur fehlende Rollstuhlrampen, sondern alle Umstände, die statistisch nicht typische Bevölkerungsgruppen davon abhalten an gesellschaftlichen Vorgängen teilzuhaben. Das können auch verbreitete Einstellungen anderer Bevölkerungsgruppen sein. Für Autisten ist die wohl folgenschwerste Barriere Verweigerte fernschriftliche Kommunikation.

– Barrierefreiheit = sinngemäß meist eine Situation, die bestimmte Barrieren für bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht aufweist. Leider nur selten gruppenübergreifend komplett barrierefrei im Sinne eines umfassend umgesetzten Universellen Designs.

– Behinderung = kein Begriff der speziell von Autisten verwendet würde, jedoch eine große Rolle in der Autistenszene spielt und kontrovers betrachtet wird. Dabei gehen auch viele Autisten von einem längst überholten Behinderungsbegriff aus. Daher hier Auszüge aus einem allgemeinen auch an sich lesenwerten Vortrag von Prof. W. Jantzen:

Zitat:

Behinderung, auf diesem Hintergrund – und jetzt kommt der Begriff, den Heiner Bielefeldt verwendet und für den man uns wirklich fast gesteinigt hat [vor 30 Jahren, Anmerkung 55555] – Behinderung ist eine gesellschaftliche Konstruktion. Das heißt keineswegs, dass es nicht gewisse Besonderheiten der Natur gäbe, die es auch zwischen uns überall gibt, soweit wir als nicht behindert bezeichnet werden.[…]

Dreimal in der Geschichte der Behindertenpädagogik ist herausgearbeitet worden – ich hatte das Glück, einer von den dreien zu sein – dass nicht der sogenannte Defekt der körperlichen Schädigung die Behinderung hervorbringt, sondern die dadurch hervorgebrachte soziale Isolation.
In dieser sozialen (Entwicklungs-)Situation der Isolation ist die Umgebung unfähig, einen sozialen Verkehr so zu gestalten, dass er den besonderen Bedingungen gerecht wird. Daraus resultiert ein sinnvoller und systemhafter Aufbau der psychischen Prozesse innerhalb der Isolation. Am deutlichsten kann man das nachlesen in Donna Williams Versuch einer Übersetzung von Besonderheiten autistischer Menschen. Was andere Menschen für Autismus halten und erklären, so sagt sie, die selbst als autistisch gilt, sind unsere Selbstverteidigungsmechanismen.

Quelle

– Blickkontakt = Häufig erwähntes Diagnosekriterium für Autismus. Da der Blickkontakt für Nichtautisten offenbar ein wesentliches Kommunikationsmittel darstellt, versuchen diese oft Autisten dementsprechend nach ihren Vorstellungen umzuerziehen. Das kann ähnlich der Umerziehung von Linkshändern zu schweren Schäden führen, denn Autisten verhalten sich hierbei nicht aufgrund von Schüchternheit oder ähnlichem so, sondern aufgrund der Notwendigkeit Reizwahrnehmungen zu minimieren, um psychisch handlungsfähig zu bleiben.

– Delfintherapie = Eine „Therapie“methode, bei der Autisten mit Delfinen konfrontiert werden. Aufgrund des besonders positiven Images von Delfinen (z.B. „Flipper“) meinen Eltern immer wieder, eine solche Therapie sei besonders erfolgversprechend. Tatsächlich konnte noch keine Wirksamkeit nachgewiesen werden, die über dem Kontakt zu gewöhnlichen Haustieren wie Hunden oder Meerschweinchen liegt. Solche Haustiere sind außerdem immer da, während die Delfin“therapie“ nur über einen gewissen Zeitraum vorgenommen wird. Daher wird eine zudem noch sehr teure Defintherapie auch zu Recht in der Regel nicht von Krankenversicherungen bezahlt. Weiter ist die Haltung von Delfinen eine derartige Quälerei für die Tiere, daß diese sich in der Gefangenschaft kaum fortpflanzen mögen. Zudem sollte angemerkt sein, daß hier vor allem die auf das Kind projizierte Enttäuschung der Eltern therapiert wird, ein Kind zu haben, das anders ist als man es sich vorgestellt hatte. Empfehlung: Statt Delfintherapie sollten die betreffenden Eltern eine Psychotherapie bei einer Fachkraft beginnen, die Autismus nicht pathologisiert (oft solche, deren Studium noch nicht zu lange zurückliegt), damit sie ein gesundes Verhältnis zu ihrem Kind entwickeln lernen.

– Diskriminierung = Unmittelbare Diskriminierung nennt sich die Benachteiligung von Minderheiten, wie z.B. der unfreiwilligen Minderheit der Autisten durch selektives Verhalten im Alltag. Siehe auch unter Pathologisierung. Mittelbare Diskriminierung nennt sich solche Benachteiligung von Minderheiten, die in Form scheinbar neutraler Gesetze, Normen und Verfahrensweisen durch die Nichtberücksichtigung von Eigenarten bestimmter Minderheiten Barrieren errichtet, die eine Teilhabe an gesellschaftlichen Aktivitäten erschweren oder verhindern. Z.B. ist es in Bezug auf viele Autisten mittelbare Diskriminierung, von ihnen zu verlangen physisch in einem Büro vorstellig zu werden, um eine bestimmte Leistung zu erhalten, statt ihnen ausschließlich schriftlichen Zugang zuzubilligen.

– Enthinderung = Autisten benötigen weniger Hilfen als Enthinderung, denn die Probleme von Autisten liegen zu großen Teilen nicht in ihrer Identität, zu der ihre autistische Art zählt, sondern in der Ausgrenzung und dem Leben in einer Gesellschaft, die für Nichtautisten und deren Wesensarten ausgelegt ist. Diese Hürden abzubauen nennt sich Enthinderung. Enthinderung ist ein Recht, wogegen man meist annimmt, für Hilfe müsse man dankbar sein. Näheres siehe Artikel.

– Entwicklungsstörung oder -verzögerung = Diskriminierende Bezeichnung der Tatsache, daß sich Autisten insbesondere in der Kindheit teilweise deutlich anders entwickeln als durchschnittliche Nichtautisten. Mit vergleichbar selektiv-pathologisierender Wahrnehmung könnte man ebenso NA-Kinder und -Erwachsene gegenüber Autisten als zurückgeblieben und entwicklungsgestört bezeichnen. Weiter benötigt ganz allgemein die Herstellung qualitativ hochwertiger Dinge mehr Zeit. Autisten gehen Dingen oft wohl mehr auf den Grund als Nichtautisten. Ebenso kann eine hohe Umgebungsbelastung aufgrund ungünstiger Lebensumstände dazu führen, daß ein Autist weit weniger Energie hat um sich zu entfalten. In Kombination damit haben Autisten oft als Angehörige einer zerstreuten unfreiwilligen kleinen Minderheit sich fremd in der für Nichtautisten ausgelegten Welt fühlend zudem meist weniger Gelegenheit aus Kontakten mit Mitmenschen Dinge zu lernen, die unter Menschen weitergegeben werden.

– Ergotherapie = Hauptsache, man macht mal irgendwas. Placebo für die Eltern? Zitat aus A. Jean Ayres; Bausteine der kindlichen Entwicklung; Kapitel 9 – Das autistische Kind;
Seite 184; Springer-Verlag; 1992: „[es geht um Ergotherapie] Zur Zeit erreichen wir mit unserer Therapie allerdings meist keine nennenswerte Verbesserung der Situation. Wenn wir jedoch die Behandlung mit autistischen Kindern fortsetzen, finden wir vielleicht Zugang zu den neurologischen Problemen und können Methoden entwickeln, mit denen wir ihr Gehirn auch für das bewußte Erleben von Sinneseindrücken bereitmachen.“ Fazit: Daß Autisten bereits genauer wahrnehmen als NA, wird schlichtweg ignoriert, auch nur ansatzweise Kenntnisse zu autistischen Eigenschaften scheinen nicht vorhanden zu sein.

– Festhaltetherapie = Auch bei Autisten angewandte „Therapie“methode, die auf die überholte Annahme zurückgreift, Autismus sei eine Traumatisierung. Diese Methode kann man getrost als Körperverletzung an Schutzbefohlenen betrachten, die schwere Traumatisierungen der Kinder verursachen kann. Wird heute für Autisten fast einhellig abgelehnt. Artikel 1

– frühkindlicher Autismus = Im Sinne heutiger diagnostischer Untergruppen eine angenommene Untergruppe im Autismus, die aufgrund ihres Autismus früh im Sinne der Diagnosekriterien auffällt. Bedeutungsgleich mit Kanner-Autismus.

– gestützte Kommunikation (auch FC genannt) = Eine Methode, die die Kommunikation mit nichtsprechenden Personen ermöglichen soll (nicht speziell für Autisten). Aufgrund wissenschaftlicher Studien ist die Methode sehr kritisch zu sehen, jedoch konnte in wenigen Fällen ein tatsächliches Funktionieren nachgewiesen werden (Thread dazu). Falls bei Autisten diese Methode angewandt wird, ist auf jeden Fall zu überprüfen, ob die Methode funktioniert, etwa durch den Kopfhörertest. Wird dieser Test „vom Autisten verweigert“, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß diese Verweigerung unbewußt tatsächlich durch die „stützende Person“ erzeugt wird.

– HFA = hochfunktioneller Autismus. Nach der Theorie eines Autismusspektrums meint dies den Bereich von Autismus, der zwischen willkürlich gesetzter Grenze zum Nichtautismus und MFA oder LFA (siehe auch dort) angesetzt wird. Dieser Begriff ist zumindest als Zuschreibung auf konkrete Personen kritisch zu betrachten, weil heute oft die Folgen von Ausgrenzung und Falschbehandlung von Autisten in ihrem konkreten Umfeld fälschlich ihrem Autismus an sich zugerechnet werden. Darum ist hier sehr große Vorsicht geboten.

– Kanner-Autismus = siehe frühkindlicher Autismus. Benannt nach Leo Kanner.

– krank (in Bezug auf autistische Eigenschaften) = Link

– Kühlschrankmutter = Bezeichnung für Mütter von Autisten aus der Zeit der inzwischen widerlegten Annahme, Autismus stelle eine Traumatisierung sonst völlig durchschnittlicher Kinder dar. Siehe auch „autistische Psychopathie“.

– LFA = low functional autism. Eindeutschung siehe NFA. Im Sinne der unter HFA geschilderten theoretischen Annahme die am weitesten vom Nichtautismus eingeordnete Untergruppe im Autismusspektrum.

– Meltdown = akuter Overload, siehe Overload.

– MFA = mittelgradig funktionaler Autismus. Selten gebrauchter Begriff zur genaueren Differenzierung des Autismusspetrums. Siehe auch HFA.

– NA = Nichtautist

– Neurodiversität = Aus der Biologie abgeleitete Theorie, die als gut begreift, daß Menschen unterschiedlich veranlagt sind. Gegensatz: Die Definition von Krankheit anhand des Abweichens von einer theoretisch bestimmten Norm für Gesundheit. Ähnliche Gegensätze direkt aus der Biologie: Intaktes robustes Ökosystem versus krankheitsanfällige Monokultur.

– NFA = niedrigfunktioneller Autismus. Eindeutschung von LFA, siehe dort.

– nonverbale Kommunikation = Siehe Subtext.

– normal = einer irgendwelchen menschlichen Vorstellungen entsprungenen Norm entsprechend. Entscheidend hierbei ist die Annahme einer Gruppe, für welche die Norm gelte. Je nach Bildungshorizont kann sich ein Normgefüge ausdifferenzieren.

– NT = neurotypische Person. Kritisch zu sehender Begriff, da er unterstellt, es gäbe typische und untypische Menschen. Siehe auch „normal“.

– Overload = Überforderung der Sinne eines Autisten, die mehr oder weniger große Handlungsunfähigkeit und Schmerz nach sich zieht. Näheres im Artikel unten.

– Pathologisierung = Fremdenfeindliche und vorurteilsgetriebene gezielte Abwertung von Andersartigem mithilfe von selektiv negativer Wahrnehmung und Beschreibung. – Artikel: „Die Krankheit lauert überall“

– Persönlichkeitsstörung = siehe „autistische Psychopathie“. Ab dem DSM3 wurde der Begriff „Psychopathie“ durch den Begriff „Persönlichkeitsstörung“ ersetzt. Falschdiagnosen von Autisten sind keine Seltenheit (z.B. „sozial-unsichere-Rersönlichkeit“).

– Prosopagnosie = Geringe bis nicht vorhandene Fähigkeit Gesichter wiederzuerkennen. Diese tritt bei Autisten wie Nichtautisten auf.

– Rain Man = ein Film, der in der Öffentlichkeit oft als prägend für das Bild von Autismus empfunden wird. Dieser Film beruht auf einem Drehbuch, das inspiriert von der realen Person Kim Peek geschrieben wurde. Diese Person ist jedoch kein Autist, sondern ein Savant.

– Rituale = Autisten wird oft unterstellt besonders zu ritualisiertem Verhalten zu neigen, Eltern wird geraten den Alltag von autistischen Kindern zu ritualisieren. Näheres im Artikel unten.

– Selbstverletzungen = Schwer traumatisierte Menschen, ob Autist oder Nichtautist, neigen manchmal dazu, Streß durch selbstverletzendes Verhalten (SVV) abzubauen. Da Autisten häufiger unverstanden dahinvegetieren oder groben (auch unbeabsichtigten oder „gut gemeinten“) Mißhandlungen durch Familie oder unqualifizierte Therapeuten ausgesetzt sind, tritt dieses Verhalten bei Autisten statistsch gesehen häufiger auf als bei Nichtautisten. SVV kann zur Sucht werden, da bei Verletzungen körpereigene Drogen ausgeschüttet werden. Hier könnte theoretisch auch bei Autisten eine qualifizierte (heutzutage praktisch nicht auffindbare) auf autistisches Sein abgewandelte Traumatherapie sinnvoll sein, die bei den vorgefallenen subjektiv erlebten Mißhandlungen ansetzt (und nicht den Autismus therapieren will).

– SHG = Selbsthilfegruppe

– Smalltalk = Die Angewohnheit besonders von Nichtautisten nicht durch klare Aussagen zu kommunizieren, sondern durch Andeutungen. Diese Andeutungen verstehen auch Nichtautisten untereinander oft falsch, merken das aber oft nicht. Vielleicht ist das auch eine Funktion dieser drolligen Angewohnheit. Siehe zudem Subtext.

– Spezialinteresse = von englisch „special interest“, halte ich persönlich für eine Fehlübersetzung. „Speziell“ ist im Deutschen ein weitgehend neutraler Begriff, der englische Begriff besitzt jedoch eine Bedeutungsspanne von „besonders“ bis „sonderbar“. Insofern ist dieser Begriff ein Begriff, den Nichtautisten erfunden haben, um Autisten zu pathologisieren und auszugrenzen, und sollte, wie ich denke, von Autisten nicht mehr verwendet werden.

– Stereotypie = Diskriminierende Abwertung von Interessen autistischer Personen durch Nichtautisten. Andersherum könnte man z.B. Kegelabende mit Smalltalk als stereotype Gruppenbeschäftigung bezeichnen.

– Störung = Autisten werden von einer rückschrittlichen und diskriminierenden Psychologie noch oft als gestört bezeichnet. Parallel zum Behinderungsbegriff liegt jedoch die Störung tatsächlich zwischen Autist und Nichtautist, nicht bei einer der beiden Parteien. Wenn die Telefonleitung zwischen einem Autisten und einem Nichtautisten gestört ist, ist ja auch nicht der Autist schuld.

– Subtext = Kommunikation und Sprachbedeutungen, besonders vis a vis, werden bei Nichtautisten zu über 50% (manchmal wird 70% angegeben, solche Werte sind von der Definition abhängig) durch Betonungen und Mimik transportiert. Diese Aussagen können Autisten oft nicht erkennen oder zuordnen. Auch, aber nicht vor allem aus diesem Grund bevorzugen Autisten schriftliche Kommunikation, in welcher allerdings noch Metaphern und indirekte Formulierungen unverstanden bleiben können.

– Synästhesie = Die Eigenschaft z.B. eine Zahl automatisch mit einem bestimmten Geruch oder einer Farbe zu assoziieren. Synästhesie ist eine Begabung, die unter anderem das Lernen erleichtert, da die Erinnerung in sich kombinierter und mit mehr Ansatzpunkten erfolgt. Autisten sind offenbar häufiger synästhetisch begabt als Nichtautisten.

– Theory of Mind (ToM) = Siehe Artikel unten.

– Therapierisiko, geringes = Oft stillschweigende und völlig verkehrte Annahme, bei Autisten wäre eigentlich nichts kaputtzumachen.

– Unangemessene Verhaltensweisen = Umschreibung der Fachleute, daß sie die Ursachen von Verhaltensweisen nicht verstehen und diese andere Leute stören. Das Nichtverstehen liegt meistens an mangelnder Professionalität oder mangelnder Einbeziehung von anderen Autisten und ungenügender Erfahrung. Dennoch gibt es diese Ursachen, ebenso wie bei einem Allergiker, der auf eine bestimmte Obstsorte allergisch reagiert. Solange man nicht weiß, daß es diese Allergie gibt und wann sie ausgelöst wird, werden Zusammenhänge meistens nicht klar erkannt. Und wenn Fachleute annehmen, daß Autisten eben „so“ sind, dann suchen sie erst gar nicht nach den vorhandenen Ursachen.

– Unterstützte Kommunikation = Nicht zu verwechseln mit Gestützter Kommunikation. Umfasst verschiedene Zeichensysteme.

– Wahrnehmungsstörung = Diskriminierender Begriff zur Beschreibung der andersartigen Wahrnehmung von Autisten, sofern situationsunabhängig pauschal auf einen Menschen angewandt. Situationsabhängig angewandt weisen Nichtautisten wie auch Autisten unterschiedliche Wahrnehmungsstörungen auf.

– Zehenspitzengang = Der Zehenspitzengang, also das häufige Gehen auf den Zehenspitzen, ist häufig bei Autisten. Der Grund ist die empfindliche sensorische Wahrnehmung auch an den Fußsohlen, deren Störpotential durch den Gang auf Zehenspitzen minimiert wird. Ein weiterer Grund könnte ein Vermeidenwollen von Verwackelungen bei der optischen Wahrnehmung sein oder auch das Gefühl, das harte Aufsetzen würde im Kopf wehtun. Möglich ist dies auch, um nicht ganz gerade Böden auszugleichen, deren Ungeradigkeit NA nahezu nicht wahrnehmen, wenn der Autist besonders empfindsam auf solche Neigungen reagiert.

– Zurückgeblieben = siehe Entwicklungsstörung

– Zwang = Autisten wird mitunter nachgesagt, zu Zwängen zu neigen. Richtig ist, daß Autisten manchmal Vorlieben haben, die auf Nichtautisten unverständlich wirken, aber ebensowenig aus einem Zwang herrühren wie Tätigkeiten von Nichtautisten, die ein Autist nicht versteht und für sinnlos hält.

(Vergleiche auch die jeweils aktuellste Fassung hier.)

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